Drei Wochen mit etlichen Veranstaltungen liegen hinter mir. Die chinesische Welt hat mit dem Neujahrsfest den Beginn des neuen Mondjahres gefeiert. Und ich habe kräftig mitgefeiert, leider nicht in China, aber dafür in Hamburg und Berlin. Noch sind die Feierlichkeiten nicht vorbei. Sie enden mit dem Laternenfest am fünfzehnten Tag des ersten Mondmonats, am Tag des ersten Vollmondes, in diesem Jahr am 12. Februar.

Ob in China oder im Ausland, zum Neujahrsfest, auch Frühlingsfest genannt, finden die Familien zusammen. Gemeinsam wird das alte Jahr verabschiedet und das neue Jahr begrüßt. Es ist das wichtigste aller traditionellen Feste und in seiner Bedeutung als Familienfest vergleichbar mit unserem Weihnachten.
Zunächst treffen sich die Angehörigen, aber dann auch Freunde, Bekannte und Nachbarn. Private und geschäftliche Kontakte werden gepflegt, Grüße und oft auch Geschenke ausgetauscht, Kinder mit roten Papiertütchen bedacht, in denen kleine oder auch größere Geldbeträge stecken.

Der chinesische Mondkalender
Der Mondkalender bestimmt das Datum des Neujahrsfestes, weshalb es nach dem gregorianischen Kalender ein „bewegliches“ ist und in die Zeit zwischen dem 21. Januar und dem 20. Februar fällt. In diesem Jahr begann das neue Mondjahr am 29. Januar. Es ist das Jahr der Schlange.

Wie schon vor zwei Jahren in einem Artikel auf dieser Website (Ein frohes Jahr des Hasen) von mir beschrieben, basiert der chinesische Mondkalender auf einem Zyklus von sechzig Jahren. Dieser ist wiederum in fünf Zwölfjahreszyklen unterteilt. Jedes einzelne Jahr eines Zwölfjahreszyklus ordnet man der Reihe nach zwölf Tierzeichen zu. Die Ratte führt die Reihe an, die Schlange folgt an sechster Stelle und das Schwein an letzter.
Warum die Ratte den Tierkreiszyklus anführt, die Katze aber fehlt
Nach einer Legende bestellte der Himmel alle Tiere für den nächsten Morgen ein, um die einzelnen Jahre des neuen Zwölfjahreszyklus an sie zu verteilen. Die Katze wollte des Nachts noch jagen gehen und fürchtete, am nächsten Morgen wie immer zu verschlafen. Deshalb bat sie die Ratte, sie rechtzeitig zu wecken. Die Ratte versprach es, hielt aber nicht Wort, denn sie fürchtete kein anderes Tier so sehr wie die Katze. Also ließ sie diese am nächsten Morgen schlafen, während alle anderen Tiere losstürmten, um sich beim Himmel zu melden. Vorneweg der Büffel. Die Ratte konnte mit ihm nicht Schritt halten, doch gewitzt wie sie war, bat sie ihn, auf seinen Rücken springen zu dürfen. Der gutmütige Büffel ließ sie gewähren, und als sie den Himmel erreichten, sprang die Ratte vor ihm zu Boden und stand als Erste in der Reihe. So bekam sie das erste Jahr des Zwölfjahreszyklus, danach folgten Büffel, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein. Nur die Katze bekam kein Jahr ab. Sie hatte mal wieder verschlafen.
Der Ursprung des Neujahrsfestes
Wenn mit dem Winter die Kälte kommt und die Böden gefrieren, kommen die Bauern zur Ruhe und finden Zeit für Geselligkeit. Wie karg das Leben sonst auch sein mag, zum Neujahrsfest wird nach besten Kräften aufgetischt und gefeiert. Kehrt mit dem Frühling die Wärme zurück, erwacht die Natur zu neuem Leben und beginnt ein weiteres arbeitsreiches Jahr.
Die traditionellen Feierlichkeiten zum Neujahrsfest erinnern an uralte Bräuche der bäuerlichen Gesellschaft, wie sie einst an den Ufern des Gelben Flusses entstand. Häuser und Wohnungen werden farbenprächtig, meist rot, geschmückt mit Glückszeichen und Glückssprüchen, ebenso Geschäfte, Einkaufszentren, Straßen und Plätze herausputzt.
Verschiedenste Veranstaltungen ziehen Massen an Menschen an, Tempelfeste, Löwentänze, moderne Drohnendarbietungen und vieles mehr.

Je nach Region gibt es Unterschiede in den Traditionen. Besonders auffällig ist dies bei den Speisen, die während der Neujahrsfeierlichkeiten aufgetischt werden. Dies zeigte sich auch für mich beim Treffen mit chinesischen Verwandten und Freunden in Hamburg und Berlin.
Mehlspeisen im Norden, Reis im Süden
Der Yangzi-Fluss, Changjiang, teilt China in Norden und Süden. Im Norden isst man gern Mehlspeisen, im Süden lieber Reis. Gefüllte Teigtaschen, Jiaozi, gehören für die Nordchinesen zu jedem Neujahrsfest. Eigentlich sind Jiaozi ein Arme-Leute-Essen. Es braucht nicht viel an Zutaten, um sie herzustellen. Dennoch sind sie bei Arm und Reich äußerst beliebt.

Mehl und Wasser für den Teig, Gemüse und je nach Geschmack Eier, Fleisch oder getrocknete Krabben für die Füllung. Ist der Teig geknetet und die Füllung gemischt, versammelt sich die Familie um einen Tisch und formt die einzelnen Teigtaschen, ein großes Vergnügen vor allem für die Kinder.
Die fertigen Teigtaschen werden anschließend in kochendes Wasser gegeben, und schwimmen sie nach etwa zehn Minuten alle an der Oberfläche, sind sie gar. Sie können aber auch gebraten oder gedämpft werden. Zum kurzen Eintunken werden dunkler Essig und Sojasauce gereicht und außerdem viel roher Knoblauch.
Ganz anders bei den Südchinesen, die auf eine Vielfalt der Speisen Wert legen.

Wer kann, fährt nach Hause
Die Vorbereitungen zum Neujahrsfest beginnen schon Tage und Wochen vorher. Oft sind weite Strecken zurückzulegen, um zu den engsten Verwandten zu gelangen. Aus nah und fern, oft aus fremden Ländern und Kontinenten kommen die Menschen angereist. Die wohl größte Gruppe an Reisenden bilden die vielen Millionen Bauern, die im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte ihre Dörfer verlassen und Arbeit in den Städten angenommen haben und anlässlich des Neujahrsfestes zurück zu ihren Eltern wollen und oft auch zu ihren Kindern, wenn diese bei den Großeltern leben. Viel zu beschwerlich ist das Reisen in dieser Zeit, als dass man nur für zwei, drei Tage fortbleibt. Meist sind es zwei, wenn nicht gar vier Wochen.
Kein anderes Verkehrssystem weltweit befördert innerhalb dieser kurzen Zeitspanne derart gewaltige Massen an Passagieren wie das chinesische. Viele Hundert Millionen sind während des Neujahrsfestes unterwegs. Nur dank riesiger Bahnhöfe und eines bestens durchorganisierten Schienenverkehrs kann dieser Ansturm bewältigt werden. Ein Foto aus einem Videoclip, der in China viral ging, gibt einen Eindruck.

Die Reiselust der Chinesen
Nicht immer geht es während der Neujahrsfeiertage nach Hause. Zunehmend beliebter werden Reisen zu Sehenswürdigkeiten im In- und Ausland. Ein Beispiel sind zwei junge Frauen aus Beijing, die mit ihren Kindern während des Neujahrsfestes eine Städtetour durch Europa machten. Die Stationen ihrer Reiseroute: München, Wien, Prag, Berlin, Hamburg und Paris. Am letzten Tag des Drachenjahres, dem chinesischen Silvesterabend, waren sie bei mir zu Gast. Kurz vor 17 Uhr schauten sie auf ihre Handys und verfolgten gespannt die in China landesweit ausgestrahlte Silvestershow. Ich verteilte derweil Sekt für die Erwachsenen und Apfelsaft für die Kinder. Gleich darauf ertönte ein „glückliches neues Jahr“, xinnian kuaile, 新年快乐. Da uns um sieben Stunden voraus, war es in Beijing bereits 24 Uhr, und wir stießen auf das neue Jahr an. Und was folgte dann? Natürlich die Zubereitung von Teigtaschen, weil alle Gäste aus Nordchina stammten.

Chinesisches Neujahrsfest in Deutschland
Die chinesische Gemeinschaft Norddeutschlands lud schon zehn Tage vor dem Neujahrsfest, am 18. Januar, zur Gala in die Hamburger Mozart-Säle ein.
Ein unterhaltsames Erlebnis, denn Kinder wie Erwachsene brachten mit großer Begeisterung ein erstaunlich vielfältiges Programm auf die Bühne. Monatelang hatten sie sich auf diesen großen Tag vorbereitet.
Einen besonders großen Applaus erntete eine deutsche Abiturientin aus Magdeburg, die in fließendem Chinesisch einen traditionellen Sprechgesang zum Besten gab.

Das Interesse für die chinesische Kultur begann für Sophie Steinecke mit der chinesischen Küche, von der sie offensichtlich ganz begeistert ist. Thema ihrer „Stand-up Comedy“ waren denn auch die Delikatessen Chinas. Dabei schlug sie gekonnt die traditionelle kuai ban, 快板, eine Art hölzerne Klapper, mit der sie den Rhythmus ihres Sprechgesangs vorgab. Es war für alle überraschend und ein großes Vergnügen ihr zuzuhören. Nach dem Abitur wird sie zum Studium an die renommierte Shanghaier Tongji-Universität gehen.

Neujahrsempfang im Hamburger Elysée-Hotel
Am 24. Januar lud der Generalkonsul der Volksrepublik China, Herr CONG Wu, zum Neujahrsempfang in den Großen Festsaal des Hamburger Grand Elysée Hotels ein, und eine Vielzahl an Deutschen und Chinesen folgten der Einladung, darunter Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur.
Reden wurden gehalten, musikalische Darbietungen gezeigt und ein reichhaltiges Büfett geboten.

Was die meisten an solchen Empfängen schätzen, sind vor allem die persönlichen Begegnungen und Gespräche. Eine wunderbare Gelegenheit, alte Bekannte und Freunde zu treffen und neue Kontakte zu knüpfen.
The Grand Chinese New Year Concert in der Elbphilharmonie
Das alljährliche Neujahrskonzert aus dem Musikverein in Wien ist uns allen ein Begriff. Die in Wien ansässige, im Jahre 1991 gegründete Agentur „Wu Promotion“ entwickelte die Idee einer entsprechenden chinesischen Variante und organisiert Mitglieder des Chinesischen Konservatorium für Musik, Beijing, zu Konzertreisen durch Europa. Am 27. Januar gastierten sie in der Elbphilharmonie, ein Höhepunkt der Feierlichkeiten zum diesjährigen Neujahrsfest.

Chinesische traditionelle Instrumente wie Erhu, Pipa, Suona, Guzheng begleitet von westlichen Instrumenten wie Kontrabass und Cello. Die aus Chinas Hauptstadt angereisten jungen Musiker spielten voller Leidenschaft und zeigten, wie harmonisch westliche und östliche Musikinstrumente gemeinsam klingen können. Das Publikum dankte es ihnen mit begeistertem Applaus.

Was erwartet uns im Jahr der Schlange?
Man kann es kaum glauben, aber das neue Mondjahr soll ein Jahr der Erneuerung werden und klug gelöster Konflikte.
Die Schlange steht für Intelligenz, Weisheit und Eleganz. Im Jahr der Schlange Geborene sollen gute Diplomaten sein.
Manche Schlangen sind allerdings auch giftig. Deshalb ist es gut, dass dieses Jahr dem Element Holz zugeordnet wird.
Die Jahre des Zwölferzyklus unterliegen den fünf Wandlungsphasen: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser.
Ein Baum ist tief verwurzelt, mit flexibel wachsenden Ästen. Holz gilt als beständig und anpassungsfähig, ihm werden Frühling, Wachstum, Kreativität und Innovationsfreude zugeordnet. Hinzu kommt die Tatsache, dass sich Schlangen häuten, was für Erneuerung und Neubeginn steht. So erwarten einige Kundige denn auch manche Veränderung in diesem Jahr und vor allem kluge Lösungen für die vielen Probleme.
Ich wünsche uns allen ein glückliches Jahr der Schlange!
4 Kommentare
Liebe Petra, ich habe deinen Bericht mit großem Interesse gelesen.
Meine Tochter ist im Jahr des Hasen geboren und hat vor 30 Jahren eine Ziege geheiratet, das gab Stoff für eine Hochzeitsrede.
Hoffen wir auf ein glückliches Jahr der Schlange, die es schaffen wird, einige der vielen Probleme in der Welt zu lösen. Darauf vertraue ich.
Es grüßt Renate
Hallo Petra,
Vielen Dank, dass du mir deinen Kontakt nochmal geschickt hast!
Ich verfolge deine Einträge auch sehr interessiert! Danke
Lass es dir auch weiterhin möglichst gut gehen:)
Liebe Renate, alle Tiere, die normalerweise zu einem Bauernhof gehören können, verstehen sich gut. Also auch Ziege und Hase. So jedenfalls heißt es in China. Herzliche Grüße, Petra
Liebe Petra, wieder toll. Aber ich bin im Jahr der Ratte geboren. Die war ja nicht so nett .
Danke für Deinen ausführlichen Bericht. Sehr spannend.
Dorothee